PRESSE: Neujahrskonzert am 1. Januar 2011


Logo Reutlinger General AnzeigerKlang, Kraft und Koloraturen

von Martin Bernklau (03.01.2011)

TÜBINGEN. Wo zur Begrüßung des neuen Jahrs draußen Böller und Raketen in den Himmel fliegen, da setzt die Musik lieber die Pracht von Pauken und Trompeten ein. So hatte Martin Künstner auch passende barocke Werke ausgesucht, um am Samstag in der fast vollbesetzten Tübinger Stiftskirche mit seinem Philharmonia Chor Reutlingen und der Tübinger Sinfonietta das schon traditionelle Neujahrskonzert erstrahlen zu lassen.

Auch für Johann Sebastian Bach war Neujahr wohl schon wichtiger als das theologisch auf diesen Tag fallende Fest der Beschneidung Christi. Erst gut anderthalb Jahre war er als Thomaskantor in Leipzig, als er am 1. Januar 1725 seiner Gemeinde in die Kantate »Jesu, nun sei gepreiset« über einen alten, etwas ausladenden Neujahrschoral darbot.

Wenn der Eingangschor noch ein wenig wie eine Einspielübung wirkte, so lag das an den Trompeten, deren Pracht im Tempo zu oft etwas behäbig daherkam, während Martin Künstner den im Klang noch etwas zurückgenommenen Chor neben dem drüberschwebenden Choral-Cantus im Sopran kraftvoll antrieb. Konzentriert wechselten die Sänger »in guter Stille« zu den zarten Adagio-Akkorden, dann ins schöne Melos eines Fugato und wieder zurück in eine Reprise. Erhaben auch der ähnlich vielteilig gestaltete Schlusschoral.

Dazwischen stellte sich Sandra Danyella zu pastoraler Oboen-Begleitung in der innigen Sopran-Arie engelhaft zart mit sacht verhaltener Kraft vor. Auch Julius Pfeifers Tenor hat ganz lyrischen Charakter. Das passte gut zur Arie »Woferne du den edlen Frieden«. Schade, dass die mit ihren Sprüngen und Läufen extrem schweren Töne des Solocellos, wohl für einen Gamben-Virtuosen komponiert, so selten wirklich rein waren. Ganz präsent war der Philharmonia Chor bei dem wütenden Einwurf »Den Satan unter unsere Füße treten!« in Thomas Scharrs Bass-Rezitativ.

Mit Georg Friedrich Händels drei Suiten, die unter dem Namen »Wassermusik« vereint sind, dürfen die Interpreten viel machen. Es gibt da kein zweifelsfreies Original. Doch schien hier aber mehr der Not zu gehorchen, wie der Dirigent die Tanzsätze - teils herrliche barocke Hits - ausgewählt hatte. Das wirkte so unfertig, wie man die Sinfonietta doch eher selten gehört hat. Unter gelegentlichem Glanz war wenig Gold, ein paar spritzige, federnde Streicher-Passagen vielleicht und feine Holzbläser-Partien. Unsauber und ängstlich klangen die Hörner. Und als - wohl wieder die hörbar formschwachen Trompeten - einen Aussetzer ausgelöst hatten, der dann gerade noch hingebogen wurde, da schien es, als zöge Martin Künstner wenig später spontan einen Schlussstrich.

Lobgesang Mariens

Mit dem »Magnificat« hatte sich Bach in Leipzig eingeführt, diesem grandios dramatisch und so bildhaft vertonten Lobgesang Mariens aus dem Lukasevangelium. Ganz präzise hoben die Sinfonietta-Instrumentalisten immer noch nicht an. Umso prächtiger aber setzte der Chor ein, kraftvoll und im Wechsel zwischen großem Klang und übermütig jubilierenden Koloraturen. Die Energie sprühte auch in den temperamentvollen weiteren Chorsätzen über. Attacca türmten sich die Stimmen in dichtester Folge zum »Omnes generationes« oder zum unter Choristen geradezu gefürchteten, gleichfalls fünfstimmigen »Fecit potentiam« (Er übet Gewalt). Respekt verdienten sich dabei besonders die Männerstimmen.

Die Gesangssolisten zeichneten sich nicht zuletzt dadurch aus, dass sie in der Stimmfärbung und der lyrischen Intensität so gut zueinander passten, etwa im mystischen Terzett der Frauenstimmen »Suscept Israel«. Mag sein, dass Altistin Eike Tiedemann etwas robuster sang als Sandra Danyella und die hinzugekommene zweite Sopranistin Eva Kleinheins. Vielleicht hätte Thomas Scharr seine Bass-Arie eine Spur gravitätischer anpacken können. Auch Julius Pfeifer legte mehr Wert auf sauber perlende Koloraturen, in denen »die Niedrigen erhöht« werden, als auf die Macht, mit der Gott »die Gewaltigen vom Throne« stößt. In schönen solistischen Parts beeindruckten neben den Oboen auch die beiden Traversflöten.

Mit markanten Schwerpunkten und doch sehr beweglich schwingend in alter Vokalpolyfonie gestaltete der Chor die strenge Fuge »Sicut locutus est« fast immer akkurat, bevor er noch einmal seine ganze Kraft in den ekstatischen Schlussjubel legen konnte. Die Sänger blieben dabei aber durchaus diszipliniert, sauber ihre Sprachbildung, genau abgestimmt die Deklamation. Weil dann auch der Glanz des Orchesters, der Pauken und Trompeten kaum getrübt war, machte der krönende Abschluss doch ein paar Schwächen vergessen und ließ das Publikum in einen langen Applaus ausbrechen.