PRESSE: Neujahrskonzert am 1. Januar 2010


Logo Reutlinger General AnzeigerSchattierte Strahlkraft in der Stiftskirche

von Markus Pfisterer (04.01.2011)

TÜBINGEN. Das neue Jahr hat brillant begonnen. Mit einem Philharmonia Chor in alter Stärke, der in der ausverkauften Stiftskirche jubelnd lobpries, in sich ruhend anbetete und aus dem Glauben heraus Zuversicht verbreitete, die manche Krisenzeit zu überstehen vermag. Homogen ergänzt durch die Sinfonietta Tübingen in Kammerbesetzung, die des Chors Interpretation in der goldenen Mitte zwischen eckiger historischer Aufführungspraxis und leidenschaftlichen romantischen Großlinien authentisch mittrug.

Der Chor war besonders im Hauptwerk des Abends, Händels »Dettinger Te Deum«, dauergefordert. Dirigent Martin Künstner zog unzählige Stilregister, schlug frische Tempi an und ließ sie auslaufen, leistete dynamische Feinarbeit, setzte auf Charakterwechsel auf engem Raum, die das Großwerk strukturierten, überschaubar machten, leben ließen. Die nachhaltig stimmgebildeten Sänger ließen es willig mit sichgeschehen und setzten Künstners Vorstellungen auf den Punkt um.

Voller Inbrunst liegt die altenglische vokale Glaubenswahrheit im ausgefeilten Eingangschor über kontrapunktisch wettstreitenden Instrumentengruppen: Der Gottesdank folgte dem Siegestriumph der Engländer auf dem Schlachtfeld im Spessart 1743. Hämmernde rhythmische Prägnanz und messerscharfe Artikulation in den Männerstimmen erinnern noch daran: Ein »mächtig' Heer« singt hier, während die Soprane als Engelschor aus der Tiefe auffunkeln.

Majestätische Hymnen

Energische Fugen, ein anschmiegsames A-Cappella-Trio, dann wieder majestätische Hymnen konturieren und kolorieren das Werk. Künstner treibt die Chorkraft aber nie ans Äußerste, ins Massive, sondern biegt rechtzeitig vor der Bombast-Schallmauer wieder ab ins Kleingegliederte, Durchhörbare oder die stille Demut des Betenden.

Die Vokalsolisten verfolgen nicht nur im »Te Deum«, sondern auch im vierten Teil von Bachs Weihnachtsoratorium zu Beginn des Konzerts einen geradlinigeren Weg als der Chor. Bassist Thomas Scharr ist eher sachlicher Erzähler als emphatischer Deklamator. Wie ein devoter christlicher Botschafter gefällt er mit schnörkellosem, im Detail lebenden Gesang - mit wenig Vibrato, dafür zahlreichen subtilen, sorgsam gesetzten Betonungen. Für die ausgeprägt lyrische Stimme von Tenor Julius Pfeifer schien die Stiftskirche eine Spur zu groß. Verständlich bleibt er allemal, mit silbenbetonten Melismen und trennscharf ausgesungenen Phrasen.

Sopranistin Isabelle Müller-Cant kontrastiert die Männersolisten mit Opernanklängen, mit vibrierender Strahlkraft. Mit den beiden Oboisten und dem Chor-Sopran Regina Lindner baut sie in der Echo-Arie des Weihnachtsoratoriums ein tragkräftiges, warm tönendes Klangviereck. Bachs Eingangschor gibt Chor und Orchester Raum, ein komplexes melodisches und harmonisches Geflecht sauber aufzufächern und im prächtigen Ganzen wieder zu vereinen: Der Dank an den Schöpfer hat nichts Enges an sich.

Ist die Sinfonietta bei Bach noch ebenbürtiger Partner der Sänger, kann sie in Händels - im lückenhaften Programmheft nicht näher aufgeführter - »Feuerwerksmusik« frei aus sich herausspielen. Doppelt punktiert zündet Künstner den Kopfsatz unter dem strahlenden Stern der Piccolo-Trompeten. Vehement fugieren die Streicher unter Konzertmeisterin Claudia Pfister von der Württembergischen Philharmonie Reutlingen im Gespinst mit Oboen und Fagott. Luftig drehen sich höfische Tänze, erdiger malen die Hörner am nächsten Klangfresko. Festlich und doch nicht pompös das Finale, durchdacht und feingliedrig aufgezogen wie das ganze Konzert. Das neue Jahr hat brillant begonnen.