
Flehendes Gebet in Tönen (25.10.09)REUTLINGEN. Lassen wir beiseite, was gelegentlich gegen das zu theatralische Requiem von Giuseppe Verdi vorgebracht wird und bleiben wir dabei, dass seine Vertonung der Totenmesse packende, erschütternde und wundersam tröstende, um Erlösung bangende und flehende Musik ist. Wie sie wohl nur einer schreiben konnte, der genau wusste, wie es um die Gefühle der Menschen steht und wie man diesen Gefühlen Form und Ausdruck verleiht. Auf der realen Bühne des Opernhauses und wie beim Requiem auf der unsichtbaren der finalen Dinge des Lebens.
Verdi kann Gefühle inszenieren. Das gilt auch für die Wirkungsmächtigkeit seines Requiems. Der strenge lateinische Text mit seiner transzendenten Überhöhung wird bei Verdi irdisch greifbar. Seine Vertonung gleicht einem aufgewühlten Flehen um Gnade. Einem der grandiosesten Gebete der Musikgeschichte.
Hohe Intensität der Aufführung
In Martin Künstner hat Verdis Musik einen ernsten, ihrer Tiefe und ihrer Höhe auf großartige Weise Raum gewährenden Regisseur gehabt. Die Intensität seiner Wiedergabe in der dicht besetzten Marienkirche führte dazu, dass die Menschen gebannt und berührt zugehört haben. Bis hin zu dem langen Innehalten am Ende, ehe der wohlverdiente und ergiebige Beifall einsetzt. Von Martin Künstner kennt man manch solide und viele bemerkenswerte Aufführungen, aber diese ist bislang seine reifste, musikalisch bedeutsamste gewesen.
Er hat hochkarätige Verbündete gehabt. Ein hervorragendes, die gesamte Aufführung tragendes Orchester, die Württembergische Philharmonie. Einen kompetenten, klangstarken und feinfühlig singenden Chor, den Philharmonia Chor Reutlingen. Und ein exzellentes Solistenquartett mit Angelina Ruzzafante, Sopran, Carmen Mammoser, Alt, Xavier Moreno, Tenor, und Franz Hawlata, Bass. Orchester, Chor und Solisten haben sich auf einem gleichbleibend hohen Niveau bewegt und damit die Einheit dieser Wiedergabe garantiert. Die Württembergische Philharmonie hat vollendet musiziert und die Spannungen und Kontraste der Musik, die wilde, dröhnende Wucht des Dies irae und die zarten, ins Licht entschwebenden Pianissimi sehr differenziert gestaltet. Tonschön und in voller Präsenz aller Register. Die Einheit dieser Wiedergabe hatte in der Inspiration des Orchesters ihre motivierende Quelle. Fulminante Blechbläser, erlesene Streicher, bewegliches Holz, dazu Pauken und große Trommel mit Brillanz und Energie das soll stichwortartig genügen.
Große Klangfülle des Chors
Der Philharmonia Chor glänzt mit seiner enormen Klangfülle, vor allem im Inferno des Dies irae, aber ebenso mit seiner volumenreichen Klangschönheit auch in den leisen Teilen, die ebenmäßig und mild erklingen. Die psalmodierenden Stellen schweben und haben gleichwohl Substanz. Auch Präzision und Beweglichkeit dieses Klangkörpers bestechen. Sein markantes, scharfes Zustoßen der Männerstimmen. Der heitere, beschwingt liebliche Ton der Frauen im Sanctus. Und immer wieder der Dreiklang von Fülle, Feinheit und Schönheit.
Angelina Ruzzafante und Carmen Mammoser haben wie Schwestern gesungen. Im edlen, mit kräftigen Silbersträhnen durchsetzten Timbre recht ähnlich, haben sie Wärme und Licht in diese Aufführung gebracht. Ihr Recordare-Duett glich einem beseelten Blühen in Wohllaut und konturierter Milde.
Xavier Moreno sang das Ingemisco mit schlankem, in den Höhen voll strahlendem Tenor, hymnisch und mit stilvollen Belcanto-Momenten. Franz Hawlatas mit weicher, runder Sonorität und einer strömend klaren Fülle gesegneter Bass hat der gesamten Aufführung Persönlichkeit eingeprägt nicht nur im Confutatis, wo seine Ausdrucksgabe ein Ausrufezeichen gesetzt hat. Auch im Terzett, im Quartett und als Chorpartner sind diese Solisten mehr als nur Schmuck der Wiedergabe gewesen: ihre eindringliche musikalisch-menschliche Sprache und Fürsprache.