PRESSE: »Stadtoper von Susanne Hinkelbein

GEA LogoReutlinger Stadtoper: Auf Feuers Spuren
(06. Juli .2009)

von Armin Knauer

REUTLINGEN. Etwas Besonderes sollte es sein für die Heimattage. Und so hat man bei Susanne Hinkelbein gleich eine ganze Oper in Auftrag gegeben. Eine Oper für und über die Stadt. Herausgekommen ist ein Stadtspaziergang, der das bodenständige Reutlingen in ein fantastisches Licht rückt. Zu Moritatensang, Foxtrott und Zirkusmusik. Mit Feuerteufeln, Engelswesen, Philosophen und knapp gewandeten Löschfrauen. Und Besuchern, die spazierend staunten.

Die Stadtoper von Susanne Hinkelbein Was war das doch für ein ganz anderes Reutlingen, das je tausend Besucher, aufgeteilt in fünf Gruppen, bei diesem Theaterspaziergang am Freitag- und Sonntagabend erlebte. Im Schlepptau greller Gestalten ging's von Station zu Station. Zu satirischen Einwürfen, Kostümspektakeln, witzigen Schlagabtauschen. Dazu tönte Susanne Hinkelbeins Musik - griffig, markant, ironisch. Wobei sich Profis und Laien gleichermaßen mit Verve ins Zeug legten.

Ein Hauch von Karneval: Bunt, skurril, revuehaft ist das Bild, das Susanne Hinkelbein in ihrer »Stadtoper« zeichnet. Ein Hauch von Karneval glitzert aus den Kostümen, die Ilona Lenk entwarf. Und Tonne-Chef Enrico Urbanek bewahrt dem Spektakel als Regisseur gelöste Lockerheit. Ein Kunststück im komplizierten Hin und Her der Gruppen!

Auf Abwegen: Insgesamt klappt die Sache schon im ersten Durchgang recht gut. Davon abgehen, dass zwischendurch die »weiße« Gruppe auf Abwege gerät und schließlich mit den »Orangenen« verschmilzt. Und abgesehen von kleineren Stockungen sowie einer längeren Stauung vor dem Finale.

Turnsaal-Flair: Der Beginn ist am Freitag wegen Gewitterwarnung vom Parkhausdach in die Kalbfellhalle verlegt worden. Dort beschwören Philharmonia-Chor und Junge Sinfonie Mädlesfels und Metzgergass' mit Zirkusmusik und parodistischen Heimatklängen. Das hat Witz - aber die Pointe, den Blick dazu über die Stadt schweifen zu lassen, ist futsch. Tonne-Mime Eric van der Zwaag, der den »Operndirektor« prachtvoll als eitel-aufgeblasenen Showmaster gibt, macht das Beste draus - und holt ein paar Lacher, als er mit großer Geste auf Stadttore zeigt, die gar nicht zu sehen sind.

Handschellen-Tango: Trockener Witz im Spitalhof: Der Knabenchor Capella vocalis und ein Projektchor Reutlinger Männerchöre bringen im Wechsel »ernste« Balladen über bizarre Feuerwehr-Einsätze dar. Das Blockflötenensemble der Musikschule dient den Capellas dabei als Drehorgel. Der Männerchor hat sich mit dem Handharmonika-Club verruchten Tangos verschrieben. Passend - müssen doch da auch einmal erotisch zweckentfremdete Handschellen geöffnet werden.

Engel, Teufel, Foxtrott: Im oberen Rathausfoyer werfen sich Engelchen und Teufelchen (Caroline Betz und Folkert Dücker) von einer Balustrade zur andern Wohl und Wehe des Feuers an den Kopf. Hier die Zerstörung der Stadtbrände, dort das Feuer der Liebe - und die Sänger der Voices schunkeln mit der Stadtkapelle und dem Jugendblasorchester einen frivolen Foxtrott dazu. Erotische Löschkräfte: Vor der Müller-Galerie verkörpern Schüler vom IKG rennend und rufend eine menschliche Zündschnur. Drinnen im Lichthof lassen Bläser, Streicher und Schlagwerker der Musikschule die akustischen Flammen züngeln. Derweil gleiten knapp gewandete Schönheiten als »Feuerwehrmodels« die Rolltreppen herab. Das Feuer als Verführungs- und Vernichtungskraft soll das wohl darstellen.

Ruhepol: Klassisch anmutende Oratorienklänge hüllen die Marienkirche in dunklen Ernst. Die Kantorei der Marienkirche und das Reutlinger Kammerorchester lassen die Bibel sprechen, mit Zitaten von Moses bis zur Apokalypse. Ein nachdenklicher Ruhepol des Ganzen.

Stadtformel: Dafür geht's am List-Gymnasium kleinkunstmäßig verspielt weiter. Kuriose Gestalten (Carola Schwelien, Gunter Bauer, Rüdiger Götze, Natalie Fischer, Aki Tougiannidis) ergründen das Geheimnis der Stadt mittels Zeitmessung, Belauschung der Straße oder Berechnung. Die Formel für Reutlingen lautet: »Zeit im Quadrat minus Geld im Quadrat mal zwei Pi plus ein Bosch«.

Finale: Auf dem Marktplatz schallen die Fanfaren der Württembergischen Philharmonie, während »Showmaster« Eric van der Zwaag den »wahren Geist der Stadt« ruft. Zu seiner Verwirrung tauchen gleich sieben auf: der Kleingeist (Anne Julia Koller), der Zeitgeist (Tobias Strobel), Feuerteufel (Lukas Ullrich), Schutzengel (Carola Schwelien), Geist des Volkes (Michael Giese), Geistesblitz (Rüdiger Götze) und Geschäftsgeist (Silvia Danek). Von Fenstern hoch überm Marktplatz singen und streiten sie um die Vorherrschaft. Am Ende steht ein Unentschieden. Merke: Den einen wahren Geist Reutlingens gibt es nicht.