
Klänge zwischen Himmel und Erde (10. März 2008)REUTLINGEN. Was für ein Werk! Aus schlichter Frömmigkeit und den Urgründen der Tradition schwingt es sich empor und lässt alles Irdische hinter sich - samt den Schwerkraftgesetzen der Harmonie. Anton Bruckners Messe e-Moll ist ein komplexes Unikum, nicht nur weil sie ausschließlich von Bläsern begleitet wird. Die bunte Laienmusikerschar, die das Werk 1869 zur Einweihung der Votivkapelle des neu entstehenden Linzer Doms uraufführte, dürfte damit eher überfordert gewesen sein.
Selbst für ein erprobtes Ensemble wie den Reutlinger Philharmonia-Chor ist die Messe mit ihren entfesselten Akkordschichtungen eine Herausforderung. Die jedoch wurde unter der Leitung Martin Künstners souverän gemeistert. Und so fehlte der Aufführung am Samstagabend in der Christuskirche gemeinsam mit einem weitgehend aus den Reihen der Württembergischen Philharmonie bestückten Bläserensemble nur eines: eine anständige Publikumskulisse. Vorher war das Konzert bereits in Stuttgart zu hören gewesen, am Sonntag dann noch einmal in der Tübinger Stiftskirche.
Viel mehr als hundert Hörer waren zu dem Reutlinger Auftritt nicht gekommen - aber die bekamen hochkarätige Musik geboten. Zur Einstimmung zwei achtstimmige Blechbläser-Canzonen des Renaissance-Komponisten Giovanni Gabrieli: fein fliegende Motive im Wechselspiel zweier Vierergruppen, ein schwingendes Liniengeflecht von Posaunen, Hörnern und Trompeten, gekrönt von einer Schlussfanfare, die etwas zu ungebremst geschmettert wurde. <<weiter lesen>>