
Mit Tango und Gloria (20. November 2007)TÜBINGEN. Hier die Frische jugendlichen Überschwangs, dort die reife Melancholie des Tango mit Solo-Bandoneon: Mit Giacomo Puccinis »Messa di Gloria« und der »Misa Tango« des argentinischen Komponisten Luis Enrique Bacalov erklangen in der Tübinger Stiftskirche zwei Messvertonungen, die liturgische Konventionen gekonnt übergehen, Oper und Tanz in die Kirche holen. Am Samstag hatten der Philharmonia Chor Reutlingen und die Betzinger Sängerschaft das Programm bereits in der Reutlinger Christuskirche vorgestellt.
Bei dem von uns besuchten Tübinger Auftritt waren Licht und Schatten eindeutig verteilt. Puccinis raffinierte Partitur hält effektvolle Einfälle, Opernglanz und triumphalen Jubel im Überfluss bereit. Schade, dass sich Dirigent Martin Künstner so viele dieser spannungsreichen Momente entgehen ließ.
Der »Messa di Gloria« fehlte es an klanglicher Präsenz und rhythmischer Präzision, auf differenzierte dynamische Abstufungen hoffte man vergeblich. Und bei der anspruchsvollen Fuge »Cum Sancto Spiritu« aus dem Gloria klapperte es gehörig in den Chorstimmen. Offensichtlich hatte Künstner zu wenig Probenarbeit auf Puccinis Messe verwendet. Gut, dass da den Sängern mit der Sinfonietta Tübingen ein solide agierendes Orchester zur Seite stand.
Eruptionen im »Credo«
Doch dann begann mit Bacalovs »Misa Tango« ein völlig anderes Konzert. Der Chor sammelte sich, sang mitreißend und verwandlungsfähig, gut intonierend auch bei den maßvoll verwendeten Dissonanzen. Eindrücklich wirkten die abrupten Wechsel: tänzerisches Wiegenlied und perkussive Eruptionen im Credo, flehentliche Anrufe des Herrn und meditative, fast gregorianisch anmutende Passagen im Gloria. <<weiter lesen>>