
»Musical-Schmelz und Pulverdampf«REUTLINGEN. Ein bisschen komisch kann es einem ja schon werden, wenn man zu Tschaikowskys musikalischem Schlachtengemälde »1812« nicht nur echte Kanonen hört, sondern auch Explosionen wie von einschlagenden Granaten vor sich sieht. Selten hat ein Feuerwerk solchen Realismus erzeugt wie das am Ende der Classic Night am Samstagabend im Kreuzeiche-Stadion - zumal bei den Geschützen Mitglieder der Schützenkameradschaft Glems in historischen Uniformen strammstanden.
Sagen wir's mal so: Am Fasching und in der Klassik darf man auch mal mit kindlicher Freude in den unbefangenen Nationalstolz anderer Nationen eintauchen. Welch bessere Therapie gegen den unterschwelligen Neid auf die Engländer etwa könnte es geben, als Kanonen vor die Bühne zu stellen und aus voller Brust »God save the King!« zu schmettern?
Musik, Wetter: alles englisch
Damit nämlich fing das Konzert an, bei dem Dirigent und Programm-Macher Martin Künstner einmal mehr sein Händchen für effektvolle Kontraste bewies: mit Händels Hymne für König Georg II. in der Interpretation von Philharmonia-Chor, Betzinger Sängerschaft und dem Stuttgarter Staatsorchester, das anstelle der terminlich verhinderten Württembergischen Philharmonie spielte.
Und englisch ging's gleich weiter, mit englischer Musik und englischem Wetter. Kaum hatte Sopranistin Sandra Danyella als Dido mit Purcell ihren entschwundenen Geliebten Aeneas beweint, so weinte auch der Himmel und hörte erst mit dem Schlussfeuerwerk auf. Die Solisten Sandra Danyella und Ulrich Wand, Bariton, trotzten jedoch unbeirrt den Elementen und wärmten das Publikum durch die Regenwand hindurch mit Liebesscherz und Liebesschmerz: als Pamina und Papageno in der Zauberflöte, als Ännchen im Freischütz, als Gretchen und Faust in »Margarete«, als Adele und Eisenstein in der »Fledermaus«. <<weiter lesen>>