
Die Welt in Musik umarmenREUTLINGEN. Martin Künstner hat in der Christuskirche beharrlich und entschieden ausschließlich auf die Musik Beethovens verwiesen. Fern von Ideologie und Deutungszwang und irgendwelchen Hochgefühlen. Auf die Energie und Spannung dieser Musik. Auf ihre geniale Satzkunst. Auf ihren insistierenden, leidenschaftlichen Gestus. Auf ihr gewaltiges klangliches Potenzial. Auf ihre Dramaturgie der Variation. Auf ihren kämpferischen, ja wütenden Impetus und auf den Ton der Liebe in dieser Musik - von dem zu Herzen gehenden Adagio molto e cantabile bis zu der Weltumarmungs-Hymnik des Finales. Eine grundehrliche, nicht in die Musik hineinredende Wiedergabe also.
Dem entsprach auch Künstners Art, mit dem Orchester umzugehen. Er bevormundet es nicht. Er vertraut auf dessen Fähigkeiten und dessen Musikalität - und erntet dafür bei der Württembergischen Philharmonie ein hoch motiviertes Musizieren, das in Klang und Dynamik und Farbe großen Reichtum entfaltet und - wie im zweiten Satz - auf furiose Weise rhythmischen Druck machen kann. Der sich dann im besonders schön musizierten Trio in ein sanftes Schwingen und Singen löst.
Chorklang von Glanz und Fülle
Großartig auch, wie das Orchester im letzten Satz den Enthusiasmus Beethovens mitgeht. Immer frisch. Immer steigerungsfähig. Immer inspiriert. Ganz wie der Philharmonia Chor Reutlingen, der diesem Finale Kraft und eine strahlend klare Fülle des Klangs verliehen hat. Sicher und standfest in allen Registern. Geschmeidig in den verklärenden Höhenlagen der Frauenstimmen und bei den Männern die kultivierte sonore Wucht bei genauester Deklamation - da wurden Beethovens Rücksichtslosigkeiten zu weiträumigem, begeistertem Gesang.
Das Solistenquartett mied den Überschwang und ging gleichwohl beherzt aufs Ganze. Markus Eiche mit seinem stämmig schlanken, gebieterisch nach »angenehmeren Tönen« rufenden Bass. Robert Morvai mit seinem imposanten Helden-Tenor. Carmen Mammoser mit ihrem tragenden, wohl timbrierten Alt, der eine noble Mitte im Ensemble gebildet hat, und Christine Reber mit ihrem kraftvollen, makellos geführten Sopran, der immer mehr an Größe und Charakter gewinnt.
Auch hier, bei diesem famosen Solistenquartett, galt Martin Künstners Devise für die Wiedergabe dieser Sinfonie: Alle und alles für Beethoven. Eine Wiederholung gab es in der Stiftskirche Tübingen.